Newsletter Frühjahr 2017

Auf dem Weg in eine gelungene Integration

Ein Rückblick von Nicole Figge, Gesamtleiterin des Familienförderzentrums Panke-Haus

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Mohamad mit lediglich zwei Plastiktüten beladen die Soldiner Straße auf das Familienförderzentrum Panke-Haus zukam. Er war in Begleitung zweier anderer Jungen. Sie unterhielten sich lebhaft und blickten interessiert um sich. Das mussten sie sein, die drei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge aus Syrien, die mir aus der Erstaufnahmestelle in der Wupperstraße angekündigt worden waren.


Das war im September 2015. Die Flüchtlingszahlen in Berlin waren, wie in vielen deutschen Städten, enorm gestiegen und so auch die der Minderjährigen, die meisten von ihnen waren männlich und aus Syrien oder Afghanistan.

 

Gruppenraum wird Wohnung

Die Senatsverwaltung hatte die freien Träger der Jugendhilfe gebeten, ad hoc Unterbringungsmöglichkeiten für die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge (damals lautete die Abkürzung noch „umFs“) zu schaffen, da die Erstaufnahmestelle in der Wupperstraße in Zehlendorf aus allen Nähten platzte.

Verstand und humanistisches Verständnis ließen uns diesem Aufruf folgen und so improvisierten wir kurzerhand, um als Einrichtung Plätze bereitstellen zu können.
Aus dem Gruppenraum im Erdgeschoss des Hinterhauses, in dem eigentlich die VHS ihren Deutschkurs für Eltern durchführte, wurde innerhalb von 2 Tagen eine Kleinst-WG für die jungen Geflüchteten. Dieser Gruppenraum bot sich an, da er über eine Küchenzeile und ein Bad verfügt. Die vielen Tische bauten wir z.T. auseinander und stellten stattdessen drei Gästebetten auf. Die Lehrbücher in den Regalen mussten weichen, für die Kleidung und Dinge, die die jungen Menschen mitbringen würden. Später stellte sich heraus, dass sie nicht viel Platz dafür brauchten, denn sie besaßen fast nichts!

 

Verständigung und Verständnis

Ich begrüßte die Jungen auf Deutsch, sie schauten mich mit großen Augen an. Ok. Kein Deutsch. Ich versuchte es auf Englisch. Sie schauten sich gegenseitig an. OK. Kein Englisch, außer „Hello“.
Schnell wurde mir klar, dass Verständigung mit Händen, Füßen, Zeigen und dem Google-Übersetzer gehen musste. Die Betreuung der Jungs lag nun erstmal bei mir als Leiterin, unterstützt durch Mitarbeiter*innen des Hauses und unserem engen Kooperationspartner Al-Dar, der glücklicherweise arabisch sprechende Mitarbeiter*innen hat und uns gelegentlich für Übersetzungen zur Seite stand.

Mohamad (nachfolgend Mo genannt), Mohammad II und Yamen waren nun neue Bewohner im Panke-Haus. Das Licht brannte häufig und die Heizung war hoch aufgedreht – die Jungs brauchten es anscheinend warm und hell. Was hatten sie durchgemacht, fragten wir uns.
Sie waren so alt wie mein jüngster Sohn, mussten ihre Familien verlassen, durch Länder reisen, arbeiten, mussten sich in Schleuserhände begeben und waren nun in einem Land gelandet mit fremden Bräuchen und Regeln, einer komplett anderen Sprache und Schrift.
Sie hatten Heimweh, das war offensichtlich. Das Wichtigste und Wertvollste war das Smartphone, durch das sie mit ihren Familien verbunden waren.

Auch für uns begann ein neues Kapitel unserer Arbeit. Wir arbeiteten zwar seit Jahren schon mit Familien mit Migrationshintergrund zusammen, hatten aber wenig Erfahrungen mit Kindern und Jugendlichen, die aus Kriegsgebieten flüchten mussten und ein Trauma erlebt hatten.
Auch Verwaltungsfragen und die finanzielle Versorgung waren neu und mussten geregelt werden.
Casablanca als Träger der Jugendhilfe befasste sich nun mit der Einrichtung einer Jugendwohngruppe für Geflüchtete, um den Jungen dauerhaft einen Verbleib im Panke-Haus zu sichern. Sie sollten nicht wieder umziehen und sich wieder neu eingewöhnen müssen.
Es brauchte viel Geduld auf beiden Seiten, bis sich so etwas wie Normalität und Alltag einspielte.

 

Mo`s Weg

Den Jungs ging alles nicht schnell genug. Für Mo war das Wichtigste, seine Familie so schnell wie möglich nachzuholen. Einige Geschwister befanden sich in Österreich, die Eltern und die kleineren Geschwister allerdings waren noch in Syrien und somit nicht in Sicherheit.
Mo war viel unterwegs und versuchte eigenständig, bei Behörden Schritte zu veranlassen, damit die Familie bald nachkommen könnte.

Er war allerdings auch viel am Alexanderplatz, einem Hotspot für Menschen verschiedener Nationalitäten. Doch wie befürchtet, halten sich am Alex nicht nur ehrliche und anständige Menschen auf. Die Kriminalitätsrate ist dort bekanntlich hoch. Auf unsere Warnungen wollte Mo aber nicht wirklich hören. Bis zu dem Tag, an dem er uns aufgebracht berichtete, dass ihm sein Smartphone geklaut worden, er sogar „abgezogen“ worden sei, wie es im Slang heißt.
Die Not war groß bei ihm, war ihm doch seine Verbindung nach Syrien genommen worden.
Es hat uns innerlich getroffen, als er verzweifelt äußerte, er wolle lieber wieder zurück in seine Heimat und zu seiner Familie, wenn er hier auch nicht sicher sei. Nun war ihm klar geworden, dass Deutschland nicht das Paradies ist, sondern ein Land, in dem es auch Gewalt und Ungerechtigkeit gibt. Mo wurde vorsichtiger, äußerte aber nicht mehr nach Hause zu wollen. Über Spenden organisierten wir ein Ersatzhandy.

Schule war ein Thema, auf das sich Mo nicht wirklich einlassen konnte. Natürlich organisierten wir schnell eine Möglichkeit für die drei Jungs, mit dem Deutschlernen zu beginnen, einen Schulplatz gab es jedoch nicht sofort. Aber als es dann doch relativ schnell eine sogenannte Willkommensklasse für ihn gab, war Mo kein Jugendlicher, der sich ohne weiteres auf eine geregelte Lernzeit einlassen konnte. Er hatte bereits in der Türkei gearbeitet, um sich und seine Familie in Syrien zu finanzieren. Auch in Deutschland wollte er so schnell wie möglich Geld verdienen. Das Geld, das ihm aus der Landeskasse und später aus der Jugendhilfe zustand, war ihm zu wenig.

Wir wussten, dass er anfing Geld zu sparen, um es nach Syrien zu schicken. In Gedanken war er häufig dort. Als wir ihn fragten, was er sich am meisten wünsche, sagte er: „Dass alles wieder so ist wie vor dem Krieg. Egal wer an der Macht ist.“ Er rauchte viel, obwohl wir ihm abrieten und er klagte über Schlafprobleme.

Die ersten deutschen Worte von Mo waren „Wäsche waschen“. Entweder mit ?, also mit fragender Betonung oder als Feststellung: „Wäsche waschen!“. Das fanden wir alle lustig – die Jungs und wir. Diese beiden Wörter, schnell hintereinander gesprochen, hörten sich dann bei ihm wie ein Code an. Oder wie eine Begrüßung: Statt „Guten Tag“ hörte ich häufig „Wäschewaschen!?“

Lachen mussten wir auch häufig bei der Übersetzung durch Google – ob vom Deutschen ins Arabische oder andersherum – es kamen lustige, häufig nicht wirklich hilfreiche Sätze bzw. Aussagen zustande, die offensichtlich Nonsens waren.

Über unsere Spielgruppe für Familien am Wochenende kam ein Kontakt zu zwei jungen Frauen aus Syrien zustande. Sie wollten sich für ihre minderjährigen Landsleute ehrenamtlich engagieren. Gemeinsam hatten wir die Idee, dass sie zweimal im Monat mit den Jungs syrisch kochen könnten. So gab es einige nette Essen im Panke-Haus, die die Jungs offensichtlich genossen. Sie mussten die Lebensmittel einkaufen und kochten dann gemeinsam mit den Frauen, die die Anweisungen gaben.

Anfang 2016 stand die erste reguläre Wohngruppe für die unbegleiteten Jugendlichen bereit. Die Jungen konnten vom EG ins Dachgeschoss des Panke-Hauses ziehen und zwar in Einzelzimmer! Mo hatte das Glück, das Zimmer mit Balkon zu bekommen – das war ein Privileg!
Für die reguläre Jugendwohngruppe gab es auch ein neues Betreuerteam. Ich gab die Verantwortung für die Jungen vertrauensvoll weiter an die neue Teamleitung und zog mich zurück – das war nicht ganz einfach, sie waren mir ans Herz gewachsen!

In der nächsten Zeit bekam ich von Mo eher in „Tür und Angel“-Situationen etwas mit oder aber durch Berichte der Teamleiterin Madeleine Krakow, die sich mit viel Engagement und Empathie den Jungs aus verschiedenen Ländern widmete. Mittlerweile waren es 11 Jugendliche, die wir in zwei Trägerwohnungen aufnehmen konnten.

 

Vielversprechende Aussichten

Mo hatte weiter seine guten und seine weniger guten Phasen. In den guten Phasen lächelte er, ging zur Schule und war offen für Gespräche. In seinen weniger guten Zeiten zeigte er sich ernst und war viel unterwegs – leider nicht in der Schule. Es gab einige „Krisengespräche“ deswegen.

Die Familienzusammenführung blieb Mo`s wichtigstes Ziel. Die Kolleginnen und Kollegen der Jungendwohngruppe unterstützten ihn mittlerweile tatkräftig dabei, da die Aussicht auf Familienzusammenführung bei keinem der Jugendlichen so hoch war wie bei Mo.
Gelder wurden überwiesen, Dokumente ausgestellt und verschickt, Telefonate geführt. Schritt für Schritt ging es voran.

Eines schönen Tages kam die Teamleiterin freudig zu mir und berichtete, nun würde es konkret werden. Die Familie sei mittlerweile in Beirut, das Haus in Syrien sei verkauft. Mo wurde zusehends fröhlicher, in unseren flüchtigen Begegnungen im Haus, warf ich ihm nun immer die Frage zu „Wann?“ und er antwortete „Vielleicht drei Wochen?!“, „Vielleicht nächste Woche!?“ u.s.w
Wir waren alle gespannt!

Dann endlich war der Tag da. Als ich morgens zum Dienst kam, teilte mir Madeleine mit, dass die Familie eingereist sei und dass Mo seit dieser Zeit nicht mehr gesehen worden sei. Wahrscheinlich würden sie sich bei dem Onkel aufhalten, der bereits seit einiger Zeit in Berlin in einer Flüchtlingsunterkunft lebte. Und so war es auch.
Wie schön! Diese Familie hatte das Glück, lebend und gesund in Berlin wieder zusammenzutreffen.

Mo Familie bearbMittlerweile lebt Mo`s Familie gemeinsam in einer Unterkunft in Adlershof. Die Mitarbeiter*innen der Jugendwohngruppe und besonders die Teamleiterin unterstützten die Familie bei allen bürokratischen Wegen, die es bis jetzt zu bewältigen galt.

Kennengelernt habe ich die Eltern bei einem gemeinsamen Essen, das die Mutter von Mo zu unseren Ehren zubereitet hatte. Bei diesem Essen ist ein Foto entstanden. Zu sehen sind die lebendige und freundliche Frau A., der charismatische Herr A., (der sich bei uns und bei Frau Merkel bedankte;-)) und die hübschen wie aufgeweckten jüngeren Schwestern, auf die Mo sichtlich stolz ist.

Mittlerweile geht Mo gern in die Schule, seine Sprachkompetenzen sind sehr gut und er plant, nach seinem Schulabschluss Mitarbeiter beim Jobcenter/ Arbeitsamt zu werden.

Wir drücken Mo für die Verwirklichung seiner Pläne und Wünsche die Daumen und wünschen auch seiner Familie alles Gute!

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